SoVD-Landesverband Niedersachsen e.V.
Startseite Ihres Sozialverbandes > Sozial aktuell > Senioren > "Greise Politik" - Demografischer Wandel
"Greise Politik" - Demografischer Wandel
28.08.2006
'Greise Politik' - Demografischer Wandel
Aktionstage Alter(n) mit Zukunft Juli/August 2006 - SoVD, Elisabeth Wohlert
Älterwerden in unserer Zeit ist in vieler Hinsicht etwas ganz anderes als Älterwerden zu Zeiten unserer Eltern und Großeltern. Wir erreichen heute ein höheres Lebensalter als Generationen vor uns und sind dabei gesünder, selbständiger und kompetenter.
Wir leben heute in einer alternden Welt. Immer mehr ältere Menschen stehen immer weniger jungen gegenüber. Immer mehr Menschen erreichen ein immer höheres Lebensalter, - eine Tatsache, die zu begrüßen ist, wenngleich die zunehmende Langlebigkeit eine Herausforderung für jeden einzelnen, aber auch für die Gesellschaft, die Städte, die Industrie, Wirtschaft und Wissenschaft bedeutet.
Wir haben eine zunehmende Langlebigkeit, die den „Kopfstand der Pyramide“, den demographischen Wandel bedingt – oder genauer: stark mit beeinflusst neben dem Rückgang der Geburtenrate.
Älterwerden gestern und vorgestern war völlig anders: Versetzen wir uns in frühere Zeiten unserer Eltern und Großeltern, 1930, 1940…Wie sah damals der Alltag in Deutschland aus?
Die Wohnsituation – oft ohne Badezimmer, WC außerhalb der Wohnung in der Zwischenetage, die wöchentliche Reinigung in einer Wanne, jeden Samstag in die Küche gestellt, in der sich die Kinder der Reihe nach säuberten.
Familienleben, Familienfeste – waren die Höhepunkte in der eigenen Lebensgeschichte. Und das Arbeitsleben! Körperliche Schwerstarbeit: 60 Stundentag, Samstage ein voller Arbeitstag. Jahresurlaub: 1903 nur in der Metallindustrie und in Brauereien 3 Tage. Erst 1945 wurde die geregelte Urlaubszeit auf 12 Tage, Samstag mitgezählt, festgesetzt - 1957 dann auf 14 Tage erweitert.
Was hat sich alles geändert! Der demografische Wandel fällt in einer Zeit des wirtschaftlichen Wandels, in eine Zeit des rapiden technischen und sozialen Wandels, in eine Zeit enormen medizinischen Fortschritts, in eine Zeit des völlig veränderten beruflichen und privaten Alltags, in dem emailing, telebanking und tele-shopping nicht mehr wegzudenken sind und ein Leben ohne Internet und Email geradezu unvorstellbar wird.
Sowohl die Gesellschaft, aber auch jeder einzelne von uns, wir alle, werden älter, von Tag zu Tag, von Monat zu Monat, von Jahr zu Jahr. Dass wir älter werden, daran können wir nichts ändern. Doch es kommt nicht nur darauf an, wie alt wir werden, sondern wie wir alt werden.
Die Fähigkeiten älterer Menschen sind erkennbar größer geworden. Keine Altengeneration jemals zuvor war so gesund, so gut ausgebildet, verfügte über ein so großes Spektrum an Kompetenzen und Interessen, keine war finanziell so gut abgesichert. Und vor allem: Keine Altengeneration zuvor hatte eine positivere Einstellung zum eigenen Alter.
Immer mehr Menschen im Alter über 60 wollen sich nach dem Arbeitsleben oder dem Leben für Familie und Kinder nicht einfach zurückziehen, um sich ihren Hobbies zu widmen oder auf Reisen zu gehen. Sie suchen vielmehr nach einem aktiven gesellschaftlichen Leben, engagieren sich in Vereinen, Initiativen und Gruppen. Die Alten von heute wollen sich einmischen, wollen dabei sein und erheben ihre Stimme. Schon heute liegt in der Altersgruppe der 55- bis 65 Jährigen der Anteil der freiwillig Engagierten bei 40% - mit weiter wachsender Tendenz. Für viele Ältere ist der Ruhestand keine hinreichende Perspektive mehr. Sie wollen ihr Erfahrungswissen einbringen, etwas Neues lernen und Neues auf die Beine stellen. Die meisten älteren Menschen sind nach wie vor bereit, Verantwortung gegenüber ihrer Familie, gegenüber anderen Menschen, gegenüber der Gesellschaft insgesamt zu übernehmen: Sei es im Rahmen des bürgerschaftlichen Engagements, als ehrenamtliche Betätigung, sei es als Brückenfunktion zu nachfolgenden Generationen – wie viele Familien profitieren von der emotionalen, praktischen und nicht zuletzt auch finanziellen Hilfe der Älteren.
Diesem Land ginge es ohne die Älteren nicht besser, sondern weitaus schlechter. Damit es ihm auch weiterhin gut geht, ist es notwendig, die Stärken des Alters anzuerkennen und zu nutzen. Denn Alter muss nicht Abbau und Verlust bedeuten, sondern kann in vielen Bereichen geradezu Gewinn sein, Zunahme von Kompetenzen und Potentialen, und damit eine Chance für den Einzelnen und für die Gesellschaft.
Tatsache ist jedoch, dass die vielfach vorhandenen Fähigkeiten und Kompetenzen älterer Menschen noch weitgehend ungenutzt bleiben. Es fehlt an Angeboten, die Ältere motivieren mitzuarbeiten, sich einzusetzen und einzubringen. Insbesondere bei den Frauen scheint es bisher ungenutzte Potentiale für ehrenamtliches Engagement zu geben. Denn zusätzlich zu den 31% freiwillig engagierten Niedersächsinnen zeigen 32 % der Frauen Interesse am freiwilligen Engagement (Freiwilligen Survey Niedersachsen). Auch wenn die älteren weiblichen Jahrgänge engagierter sind als die jüngeren, so besteht in beiden Gruppen noch ein deutlicher Abstand zu den Männern.
Doch dieses Defizit werden wir uns nicht länger leisten können. In einer Gesellschaft, in der es nicht zu viele Alte, sondern zu wenig Junge gibt, entscheidet sich die Zukunftsfähigkeit daran, ob es gelingt, die Bereitschaft der Älteren – Frauen und Männer zum Engagement aufzugreifen und ihre Kompetenzen zu nutzen. Wichtig ist zu erkennen, dass Frauen und Männer in ihrem Leben unterschiedliche Kompetenzen, die gleichermaßen anerkannt werden müssen, erworben haben, und dadurch ein vielfältiges Spektrum an Tätigkeiten abdecken können. Dazu ist es unabdingbare Voraussetzung, von den bisherigen Altersvorstellungen Abstand zunehmen. Die Gesellschaft – auch die Wirtschaft – sollte nicht nur die Kosten, die Ältere verursachen, diskutieren, sondern vielmehr auch die Nutzen.
Um den jungen Alten sinnvolle Möglichkeiten für ihr soziales Engagement zu eröffnen, werden vielerorts schon heute so genannte seniorTrainierinnen und – Trainer ausgebildet, die als Mentoren anderen dabei helfen, sich einzubringen, indem sie neue Felder für ehrenamtliche Tätigkeiten erschließen.
Niedersachsen gehört zur Spitzengruppe der Bundesländer beim bürgerschaftlichem Engagement. Es hatte im Zeitraum von 1999 bis 2004 die größten Zuwächse, insgesamt 6%. Dabei war der Zuwachs in der Gruppe der über 65-Jährigen mit 9 % am höchsten. Jetzt sind 30% von ihnen ehrenamtlich tätig.
Dennoch braucht diese Gruppe geeignete Rahmenbedingungen, Motivation und Anregung. Ihr Potential ist bei weitem noch nicht ausgeschöpft. Individuelle Kompetenzen und Erfahrungen werden zum Beispiel in einem „Freiwilligen Jahr für Seniorinnen und Senioren“ genutzt. Dabei kommt es darauf an, sich über einen mittel- bis längerfristigen Zeitraum verbindlich in einer bestimmten Aufgabe zu engagieren, ähnlich dem „Freiwilligen Sozialen/Ökologischen Jahr“ für junge Menschen. Zwei Modellprojekte unterstützt das Sozialministerium im Landkreis Osnabrück und Stadt Hannover.
Das Modellprojekt „Erfahrungswissen für Initiativen“ (EFI) trägt das Sozialministerium bis 2006 mit. Mit Hilfe lokaler Agenturen für Bürgerengagement werden Ressourcen und Kompetenzen älterer Menschen, ihre Verantwortungs- und Engagementbereitschaft zur Entfaltung gebracht.
Das Projekt ELFEN (Engagement Lotsen für Engagierte Niedersachsen) knüpft an EFI an und qualifiziert ausgewählte Freiwillige aller Altersgruppen, damit sie gleichsam als Lotsen und Anregende für bürgerschaftliches Engagement auf lokaler Ebene wirksam werden können.
Weit mehr als bisher üblich haben sich Wirtschaft und Industrie auf das älter werdende und strukturveränderte Land einzustellen. Das reicht von der größeren Auswahl von 1 Personen Rationen im Supermarkt bis hin zu einem kreativen Ausbau von Dienstleistungsangeboten, zu denen auch die Bedienung an der Tankstelle oder ein verstärkter Hol- und Bringdienst gehört.
Eine Gesellschaft mit einem zunehmend wachsenden Anteil Älterer kann es sich nicht leisten, auf deren Kompetenzen und Fähigkeiten weder im Ehrenamt noch auf dem Arbeitsmarkt zu verzichten – zumal angesichts eines sich deutlich abzeichnenden Mangels an Nachwuchs.
Anreize für Frühverrentungen und Vorruhestandsregelungen sollten abgebaut werden. Stattdessen muss es darum gehen, langfristig in die Mitarbeiterschaft zu investieren. Allerdings müssen sich auch die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer neu orientieren. Es geht um Bereitschaft, wechselnde Tätigkeiten auszuüben, lebenslang zu lernen und längere Lebensarbeitszeiten anzunehmen. Heute gehen Beschäftigte durchschnittlich 5 bis 10 Jahre früher in Rente als noch eine Generation zuvor – bei vergleichsweise besserem Gesundheitszustand und höherer Lebenserwartung. In Zukunft jedoch sollen Beschäftigte bis zu einem Alter von 67 Jahren arbeiten. Somit wird das Durchschnittsalter der Belegschaften deutlich steigen. In Deutschland beträgt der Anteil von älteren Beschäftigten (55-64 Jahre) zurzeit lediglich 39%. In Schweden sind es 69%, ebenso in Norwegen. In 15 % der deutschen Betriebe haben Bewerber über 50 Jahre überhaupt keine Chance. Ein weiteres Drittel stellt Ältere nur ein, wenn es dafür Zuschüsse gibt.
IN der Arbeitsmarktpolitik sind weiterhin Maßnahmen zur Qualifizierung und Weiterbildung von älteren Beschäftigten notwendig. Anzustreben ist, die Arbeits- und Beschäftigungsfähigkeit älterer Arbeitnehmer zu erhöhen, um ihre produktive Weiterbeschäftigung zu fördern und sicherzustellen.
Weiterhin sind Anreize für Unternehmen zur Einstellung von Älteren notwendig. Für ältere Langzeitarbeitslose sollen gemeinsam mit dem Bund Maßnahmen zur Förderung gesellschaftlich sinnvoller gemeinnütziger Arbeit durchgeführt werden. Bei der Arbeitszeit bedarf es flexibler Regelungen, die den Bedürfnissen älterer Arbeitnehmer gerecht werden. Insbesondere flexible Übergangsmodelle können die Attraktivität und die Motivation zu längerer Lebensarbeitszeit erhöhen und zu mehr Zeitsouveränität führen. Ein gutes Beispiel wie die Herausforderungen des demografischen Wandels in der Wirtschaft aufgegriffen werden können, gibt der Landkreis Osnabrück mit seinem Netzwerk für alternsgerechte Arbeit.
Ein gesundes Altern ist die Herausforderung unserer Zeit, die Herausforderung einer „Gesellschaft des langen Lebens“: Es gilt Pflegebedürftigkeit zu vermeiden, Selbständigkeit und Unabhängigkeit zu erhalten, und das ist eine Herausforderung für jeden einzelnen und für die Gesellschaft. Dazu gehört auch ein entsprechender Lebensstil: sportliche Aktivität, geistige und soziale Aktivität, richtige Ernährung, Hygiene, Vorsorge-Untersuchungen etc. Der einzelne sollte gesundheitsbewusster leben – aber die Gesellschaft, die Kommunen, sollte Möglichkeiten bereitstellen, die zu körperlichem, geistigem und sozialem Training motivieren.
Wir müssen uns von dem vorgefertigten Altersbild lösen. Altsein muss eben nicht bedeuten, abgebaut, klapprig, hinfällig zu sein. Wir brauchen keine anti-age Bewegung, sondern ein kompetentes Altern.
Aufgabe der Politik wird es sein, Ressourcen für die „jungen Alten“ bereitzustellen. Ehrenamt, bürgerschaftliches Engagement, Nachbarschaftshilfe werden wichtig. Hier sollten wir motivieren, aber nicht verpflichten. Niedersachsen hat sich im Bürgerschaftlichen Engagement bereits gut platziert – von einer greisen Politik in Niedersachsen kann nicht die Rede sein, gerade auch im Hinblick auf die „Landesinitiative generationengerechte Produkte“ und auf das Sonderprogramm zur Qualifizierung älterer Arbeitnehmer. Natürlich darf hier nicht Schluss sein, ganz im Gegenteil!
Es gilt, nicht nur dem Leben Jahre zu geben, sondern den Jahren Leben zu geben.
Danke schön!
Erläuterungen:
Landesinitiative generationsgerechte Produkte
Auch auf die Nachfrage nach Produkten und Dienstleistungen wirkt sich der demografische Wandel zunehmend aus. Gerade die Ausgaben für den Konsum der Älteren ist in den vergangenen zehn Jahren überproportional gestiegen. Schon heute verfügen Seniorenhaushalte über einen beachtlichen Anteil der Kaufkraft. Im Jahre 2003 betrugen die Ausgaben der Haushalte von Menschen über 60 Jahre 308 Milliarden Euro, das ist fas ein Drittel der Gesamtausgaben für den privaten Verbrauch in Höhe von 987 Milliarden Euro. Allein dies macht deutlich: Die Seniorinnen und Senioren haben als Konsumentengruppe eine enorme Bedeutung.
Aber zugleich ist festzustellen, dass es gerade für Ältere noch immer eine Reihe von alltäglichen Hindernissen im Umgang mit zahlreichen Produkten gibt. Hersteller sind sich oft der Interessen und Anliegen der älteren Generation nicht ausreichend bewusst. Aus diesem Grund ist die Landesinitiative generationsgerechte Produkte ins Leben gerufen worden. Die Initiative soll mithelfen, Strukturen zu schaffen, die den Wissenstransfer und die Vernetzung der niedersächsischen Akteure im Hinblick auf generationengerechte Produkte verbessern.
Sonderprogramm zur Qualifizierung älterer Arbeitnehmer
Die Agenturen für Arbeit in Niedersachsen und Bremen unterstützen konsequent die Verbesserung der Chancen für ältere Arbeitnehmer am Arbeitsmarkt. Dazu wurden für das laufende Jahr rund 20 Millionen Euro für das Sonderprogramm „Weiterbildung Geringqualifizierter und beschäftigter Älterer in Unternehmen“ zur Verfügung gestellt. Bislang haben im Bezirk der Regionaldirektion Niedersachsen / Bremen seit Jahresbeginn rund 3.800 Arbeitnehmer von dem Programm profitiert.
Bei diesem Programm wird schwerpunktmäßig die Weiterqualifizierung von älteren Arbeitnehmern gefördert – sowohl von Arbeitslosen als auch von Arbeitslosigkeit bedrohten Mitarbeitern.
