SoVD-Landesverband Niedersachsen e.V.
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Kein Recht auf ein Kind - Probleme behinderter Mütter!
Referat von Ursula Pöhler, 2. Landesvorsitzende:
'Kein Recht auf ein Kind - Probleme behinderter Mütter!' am 2. März 2004 um 19.00 Uhr im Rathaus Sehnde
Sehr geehrte Damen,
liebe Brigitte,
der SoVD Niedersachsen bedankt sich herzlich für die Einladung zu den Frauenkulturtagen 2004.
Unsere Landesfrauensprecherin Elisabeth Wohlert kann aus terminlichen Gründen leider nicht an dieser Veranstaltung teilnehmen - aus diesem Grund müssen Sie mit mir Vorlieb nehmen, und ich nutze gerne die Gelegenheit, Ihnen die besten Grüße von Frau Wohlert zu übermitteln.
Sie haben ein sehr komplexes und brisantes Thema gewählt: "Kein Recht auf ein Kind - Probleme behinderter Mütter". Ein Thema, das trotz des Perspektivenwechsels in der Behindertenpolitik noch immer der Diskussionen bedarf.
Neben der Gleichberechtigung behinderter Menschen und der akuten Diskussion um Euthanasie ist es ein Themenfeld, welches höchste Priorität haben sollte und haben muss. Und das nicht nur im Folgejahr des Europäischen Jahres der Menschen mit Behinderungen.
Es ist ein Thema, das für den SoVD als Interessenverband für Menschen mit Behinderungen einen besonderen Schwerpunkt ausmacht.
Wie viele Mütter mit Behinderungen es in Deutschland gibt, ist leider nicht bekannt. Schätzungsweise bis zu 100.000. Die Tatsache, dass es keine aussagekräftigen Studien gibt, zeigt, wie dieses Thema noch immer tabuisiert wird.
Und trotz gesellschaftlicher Vorurteile und Barrieren hat die Zahl behinderter Mütter in den letzten Jahren stark zugenommen - Tendenz steigend. Die Situation dieser Mütter ist nicht einfach: denn sie steht Vorurteilen und großen gesellschaftlichen Anforderungen und Erwartungen gegenüber.
Nach wie vor ist eine behinderte Frau, die schwanger werden möchte, für viele eine verantwortungslose Person. Obwohl man zur Erfüllung eines Kinderwunsches heute sogar Selektion erwägt, ist für den Kinderwunsch von behinderten Menschen kein Verständnis da.
Im Gegenteil: Entscheiden sich behinderte Frauen dennoch für ein Kind, haben sie oft gegen hartnäckige Vor- und Urteile gegenüber ihrer Eignung als Mutter anzukämpfen.
Vorstellungen wie:
- behindert ist gleich krank,
- wer behindert ist, ist selbst auf die Hilfe anderer angewiesen und hat kein Recht, Kinder in die Welt zu setzen,
- behinderte Frauen bekommen immer behinderte Kinder und können keine guten Mütter sein und so weiter,
bestimmen die Situation behinderter Mütter.
Es existieren sehr plakative und festgefahrene Vorstellungen von Menschen mit Behinderungen auf der einen Seite und strenge Erwartungen an Eltern - vor allem an Mütter - auf der anderen Seite.
Menschen mit Behinderungen werden als abhängig, unselbständig, als nicht entscheidungs- und leistungsfähig gesehen. Die Vorstellung, dass behinderte Frauen Sexualität leben und attraktive Partnerinnen sein können, erscheint der nichtbehinderten Umwelt geradezu absurd.
Diese gesellschaftlichen Vorurteile zwingen Mütter mit Behinderung in eine Verteidigungsposition.
Sie müssen nach außen hin ständig beweisen, dass die bestehenden Vorurteile gegenüber ihren Mutterfähigkeiten nicht stimmen. Sie verzichten lieber auf nötige Unterstützung, damit niemand ungebeten in ihre Erziehung eingreift. Stattdessen bemühen sie sich, möglichst unauffällig zu sein und dem Idealbild der Mutter möglichst nahe zu kommen - was bereits für nicht behinderte Mütter eine Überforderung darstellt.
Aber sie stoßen auch an weitere Grenzen und Barrieren während der Schwangerschaft und im Alltag. Ärztinnen und Ärzten fehlt oft das Wissen darüber, wie sich eine Behinderung auf die Schwangerschaft und die Geburt auswirkt. Deshalb entbinden überdurchschnittlich viele behinderte Frauen per Kaiserschnitt.
Im Alltag stoßen Mütter mit Behinderung auf sehr unterschiedliche Schwierigkeiten, die ihnen das Leben erschweren. Bauliche Barrieren beispielsweise und eingeschränkte Mobilität behindern die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben. An vielen Freizeitaktivitäten können behinderte Mütter mit ihren Kindern nicht teilnehmen.
Auch ist es besonders wichtig für behinderte Mütter, eine entsprechende Arbeit zu finden, um geregelte finanzielle Einnahmen zu haben. Hier müssen natürlich entsprechende Hilfsmittel in Bezug auf Assistenz und Kinderbetreuung zur Verfügung gestellt werden.
Eine der größten Barrieren für behinderte Mütter sind die hohen Kosten und entsprechend das fehlende Geld, um die Wohnraumanpassung, persönliche Assistenz, Kinderbetreuung und adaptierte Hilfsmittel zu erhalten. Diese Rahmenbedingungen sind notwendig, um den Alltag für die Mütter und die Kinder zu erleichtern.
Die Gesellschaft muss für die Probleme von Müttern mit Behinderung sensibilisiert werden. Der Kinderwunsch behinderter Mütter darf kein Tabuthema bleiben.
Mit unserer Veranstaltung heute wird bereits ein Schritt in die richtige Richtung getan. Es gibt bereits einzelne Modellprojekte, die als sogenannte Selbsthilfe-Netzwerke funktionieren und die die Integration und den Erfahrungsaustausch von behinderten Müttern fördern.
Es ist wichtig, Informationsquellen für behinderte Mütter zu schaffen, um eine Begleitung während und nach der Schwangerschaft bereit zu stellen. Auch in der Ausbildung von Gynäkologinnen und Gynäkologen, Hebammen und Krankenschwestern müssen Frauen mit Behinderungen einen Schwerpunkt bilden.
Darüber reden, auf die Probleme und Bedürfnisse von behinderten Müttern aufmerksam machen, ist Voraussetzung, um eine Enttabuisierung und Sensibilisierung der Thematik zu erzielen. Wir sind auf dem richtigen Weg, aber vom Ziel noch weit entfernt.
Im Oktober dieses Jahres werden sich der SoVD Niedersachsen und die Evangelische Akademie Loccum mit dieser Thematik auseinandersetzen. Gemeinsam werden Experten und Betroffene in Foren diskutieren und sich austauschen.
Auch über das Europäische Jahr der Menschen mit Behinderungen hinaus müssen wir uns für die Gleichstellung und die Gleichberechtigung von Behinderten stark machen.
Insbesondere Frauen mit Behinderungen erfahren ein Mehr an Diskriminierung: Sie werden als Frau und als Mensch mit Behinderung diskriminiert und benachteiligt. Im Falle einer Schwangerschaft treten weitere Vorurteile den behinderten Frauen entgegen.
Um ihnen Rückhalt zu geben, ist es wichtig, Netzwerke, Informationsveranstaltungen und angemessene Beratungsstellen zu bieten.
Die Gesellschaft darf sich ihrer Verantwortung nicht entziehen! Gesetzliche Regelungen müssen geschaffen und Vorurteile abgeschafft werden.
Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit!
